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Über eine Möglichkeit der Erinnerung

Zuweilen unternehmen wir weite Reisen, um schöne Dinge zu betrachten.
Wir suchen etwas, das uns daran erinnert, dass der Mensch doch zu etwas mehr fähig ist, als seinen alltäglichen Bedürfnissen nachzugehen und vermuten dieses Etwas am wahrscheinlichsten in der Kunst. Wir fliegen zu den indischen Tempeln, fahren nach Rom oder gehen, wenn uns das alles zu weit entfernt scheint, ins Museum in der eigenen Stadt. Wir wollen die Essenzen sehen, das Beste von Menschenhand geschaffene und natürlich nur die größte Kunst. Mittelmäßiges stößt uns eher ab. Es erinnert uns an die Möglichkeit des Scheiterns.

Dort stehen wir nun also vor den Objekten und versuchen sie mit unseren Augen zu erfassen. Unsere Blicke aber sind unstet, sie huschen in schneller Folge über die Objekte hinweg und vermitteln uns aus dieser Ansammlung von Blicken ein Bild. So schnell, wie dieses Bild entsteht, verschwindet es auch wieder aus dem Gedächtnis, nämlich dann, wenn wir uns dem nächsten Eindruck widmen.
Um das Bild aber nicht gänzlich verschwinden zu lassen, versuchen wir einige der besonders schönen Objekte auf einer Postkarte abgebildet zu finden oder machen vielleicht, sofern erlaubt, selbst ein Foto davon. Postkarte und Foto verschwinden nach der Heimkehr in dem Erinnerungskarton, in dem auch all die anderen Versuche der Erinnerung schon liegen. Taj-Mahal, Sixtinische Kapelle, Rembrandts Selbstbildnisse: alle schon im Karton. Und alle schon vergessen. Übrig bleibt nur ein „Gefühl“, das man für die Objekte und Orte auch schon vor der Begegnung mit ihnen hatte, vermittelt durch Abbildungen in Büchern und in der Werbung. Die Postkarten und Fotos fügen dem kaum etwas hinzu.

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten, die es erlauben, sich Objekte länger und genauer anzusehen, ohne das Ansehen in ein Anstarren abgleiten zu lassen: das Beschreiben und das Zeichnen. Über die Verwandtschaft beider ist viel geschrieben worden.

Wenn ich im Museum zeichne, taste ich die vor mir stehenden Objekte in all ihren Konturen ab, versuche so genau wie möglich zu sein und versuche vor allem, jede über das unvermeidliche Maß hinausgehende Interpretation zu vermeiden. Ich will die Objekte nicht künstlerisch interpretieren, sondern lediglich ganz genau ansehen. Ich suche nicht die Begegnung mit zum Teil sehr alter Kunst, nur um ihnen meine vermeintlich ganz persönliche Sicht über zu stülpen. Es würde auch meiner Liebe zu den Objekten und der Kunst, die sich in ihnen offenbart widersprechen. Jede Aufgabe verlangt nach den ihr gemäßen Methoden.

Durch eingehende Betrachtung der Werke anderer Menschen anderer Zeiten und auch Weltgegenden versuche ich in meinen Ausdrucksmöglichkeiten zu wachsen, den Zusammenhang von Form und Ausdruck immer weiter auszuleuchten. Zugleich sehe ich mich im Museum aber auch als ein kleinstes Teilchen der Welt und der Geschichte relativiert.
Das  ist für mich als Künstler sehr wichtig, denn nur zu leicht verfängt man sich in den eigenen eingefahrenen, eingeübten Bahnen künstlerischer Praxis, zumal man unter dem Druck eines alternativlosen Kunstmarktes steht, der schon jungen Künstlern die Entwicklung einer persönlichen Marke aufzwingt, die eigentlich viel mehr Zeit braucht, um zu wachsen und um aus Erkenntnis zu entstehen.

In der Ausstellungsreihe "Acht Positionen zur Zeichnung" sollte durch Zeichnungen „eine andere Seite“ der beteiligten Künstlerinnen und Künstler gezeigt werden, und so habe ich meine Museumszeichnungen zu ersten Mal in der Öffentlichkeit präsentiert, weil sie im Gegensatz zu meinen Malereien mein Input, einen Teil meiner Quellen zeigen. Ich zeige diese Zeichnungen, denn sie belegen vielleicht neben der Möglichkeit auch die Notwendigkeit des genauen Hinsehens.

Der Traum, doch zu etwas mehr fähig gewesen zu sein, als unseren alltäglichen Bedürfnissen nachzugehen, geht auch für uns nur dann in Erfüllung, wenn es dereinst konzentrierte Betrachter gibt, die es auch mit unseren Werken ganz genau nehmen und sich ihrer erinnern wollen.

©Stefan Lausch
Dieser Text erschien im Katalog "Acht Positionen zur Zeichnung" zur gleichbetitelten Ausstellung im Museum Baden Solingen, 2003


Stefan Lausch