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Vereinigte Künste
Entwurfsskizze für eine Rede im Jahre 2069

Viele Dinge aus der Alten Zeit haben wir nicht weiterverfolgt, nicht wiederaufgebaut und somit gemeinschaftlich abgeschafft. Also gibt es heute kein Internet mehr und auch kein Fernsehen. Kein Radio, keine Gameboys, keine Handys. Festnetztelefon ebenfalls nicht. Es gibt keine Maschinen, die nicht wirklich gebraucht werden. Waschmaschinen ja, Gartenhäcksler nein. Motorsägen schon gar nicht. Kaum Autos, manche Straßenbahnen. Keine Werbung, keine Parteien, kein Wahlkampf, keine Wahlumfragen. Keine Zigaretten. Kein Stress. Kein keine Zeit. Keine Konkurrenz und keine Innovation. Kein Zweck und keine Mittel. Es werden nur noch Probleme gelöst, die zuvor nach eingehender Diskussion als solche anerkannt wurden. Keine Fürsten. Keine Obdachlosen. Keine Zinsen, keine Schulden, kein Wachstum. Man kann in den Nächten wieder die Sterne sehen. Das war nicht immer so.

Seit vierzig Jahren ist wieder Frieden. Es war ein sehr langer Krieg, ein globales Netz der Feindseligkeiten. Es war das Große Ausrasten. Es war eine langanhaltende Entladung ungerichteter Energie. Es war eine gegenseitige Belieferung mit explodierendem Material.

Zuvor lebte man in einer Zeit der schier unbegrenzten Möglichkeiten und verstand darunter die Verwirklichung von Freiheit. Man vergaß darüber das Notwendige und die Freiheit, Möglichkeiten vor allem auch nicht zu nutzen. In der Großen Krise vor dem Großen Ausrasten mussten die Menschen in immer höherem Tempo die Welt ihren Körper durchlaufen lassen. Sie verbrauchten die Welt um zu wachsen. Sie fällten die Wälder, um sie zu Zeitungen zu verarbeiten, in denen zu lesen war, welche neuen dringend zu stillenden Bedürfnisse erfunden wurden. Sie verbrannten die Wälder der Urzeit im Inneren ihrer Maschinen, ohne die sie nicht leben konnten. Sie lebten für die Maschinen. Die unzähligen kontrollierten Feuer entstiegen den Maschinen und entflammten die Atmosphäre, nachdem sie sie bereits aufgeheizt hatten.

Es ging alles sehr schnell. Heute wissen wir nicht mehr, wer angefangen hat und es ist auch nicht mehr wichtig. Nach dem Großen Ausrasten haben wir uns in unzähligen Gesprächsrunden zusammengesetzt und versucht herauszufinden, warum es soweit kommen musste. Von uns ist ja kaum etwas übrig geblieben. Wir hatten, nachdem der dringendst nötige Wiederaufbau hinter uns lag, viel Zeit uns  Fragen zu stellen und zu staunen über die Verwerfungen der Vergangenheit. Eine der merkwürdigsten Feststellungen war die, dass man damals das Leben nicht mehr wirklich lebte und stattdessen Lebenszeit zu einem knappen Gut wurde, das es so intensiv und effektiv wie möglich zu nutzen galt. Das erscheint uns heute als ziemlich verrückt und lebensfeindlich.

Wir leben heute in der Gewissheit, hinter der Zeit zu leben. Es gibt keine Gewinner mehr, keine Verlierer, und es gibt keine Ziele, die nicht in der Schönheit liegen. Das ist unser Lebensinhalt: wir leben für die Schönheit. Wir verfolgen keine Zwecke mehr und wir singen nun sehr viel. Oder besser: wir zwitschern.

Wir folgen nicht mehr der Wut der Konkurrenz und üben uns in der Kunst der Bewunderung. Wir bewundern unser Überleben, wir bewundern unsere Welt und wir bewundern uns gegenseitig. Heute ist wirklich jeder Mensch ein Künstler. Wir verstehen unter Kunst jede Form der Genauigkeit und der Freude an Ähnlichkeit und Differenz. Wir spüren der Schönheit nach, suchen aber nicht nach Systemen dafür. Es gibt große, sehr weitläufige regionale Zentren der Vereinigten Künste, die wir für die früheren Universitäten eingesetzt haben, und endlich, nach vielen Jahrhunderten der Separierung werden die Medizin, die Mathematik, die Architektur, die Musik, die Physik, die Malerei, die Astronomie, die Kochkunst, die Poesie, die Geometrie, die Liebeskunst, der Sport und alle anderen Künste als Elemente einer einzigen Kunst verstanden, zu der jeder Mensch etwas beitragen kann. Und da wir uns auf das Nötige für ein gutes Leben konzentrieren, haben wir über die Sicherung dessen hinaus sonst kaum etwas zu tun und verwenden uns für die Künste, die so zweckfrei sind wie das Leben selbst. Wir sorgen gleichzeitig auch dafür, dass wir viele unserer neuen Entdeckungen wieder vergessen. Wir schreiben nicht allzuviel nieder. Wir haben sogar unsere Religionen vergessen und wir verzichten auf so etwas, das man früher einmal System nannte. Wir wollen nicht wieder in Raserei geraten und wir wollen nicht wieder systembedingte Opfer bringen. Wir warten lieber auf die Nacht und sehen dem Funkeln der Sterne zu.

Heute studiert jeder Mensch. Auch die Kinder studieren. Sie sind sogar die beflissensten und eifrigsten Studierenden. Sie werden nicht mehr wie in Zeiten des Konkurrenzkampfes mit Wissen behelligt, das sie nicht selbst suchen, denn es gibt keinen instrumentalisierten Wissenserwerb mehr. Die Kinder stellen den Erfahrenen ihre Fragen. Umgekehrt aber fragen die Erfahrenen auch die Kinder und deuten manche ihrer Antworten wie einst die Orakel gedeutet wurden. Ihre Antworten sind eine der vielen Quellen für Poesie.

Wir haben gelesen, dass es einmal die Losung vom „lebenslangen Lernen“ gab. Wir schmunzeln über solche Parolen der Vergangenheit. Wenn wir unser Leben unter eine Losung gestellt haben sollten, dann ist es die vom „lebenslangen Leben“.

 

Stefan Lausch, April 2009
Text für eine nicht realisierte Festschriftbroschüre zu einem Jubiläum der Folkwang Werkkunstschule im Jahre 2009


Stefan Lausch